Neue Kolumnen im Appenzeller Magazin

Neue Kolumnen

Ab Januar 2011 erscheinen im Appenzeller Magazin neue Kolumnen, hier nachzulesen:

Januar 2011: Wortmeldungen aus dem Grenzraum

Ich lebe grenznah. Auf Appenzeller Boden, von dem aus ich nach St. Gallen sehe, über den See und ins Fürstenland, an klaren Tagen bis zum Feldberg im Schwarzwald. Die angehäuften Appenzeller Jahre – es sind rund drei Jahrzehnte – haben aus der Toggenburgerin, die ich ungeachtet meines Namens bin und bleibe, auch eine Ausserrhoderin geformt. Eine, die der Topografie, Teilen des Brauchtums und dem offenen Geist einiger Zeitgenossinnen und Genossen ebenso zugeneigt ist wie der bekömmlichen, überschaubaren Kleinräumigkeit.

Mein Lebensgeflecht, dieses Gewebe aus Mitgetragenem und eigenen Erfahrungen, ist ein Gefüge aus drei Fäden. Sie sind ineinander verwoben und sind mehr geworden als die einzelnen Teile. Wie Kette und Schuss verbinden sich die beiden Kantone St. Gallen und Appenzell Ausserrhoden in meinem Sein zu einem Gewirk, auf dem ich mich bewege, an dem ich Anteil nehme, beobachte und dann und wann auch reagiere. Meinen Stoff, gewoben aus den Fäden die mich mit den beiden Kantonen verbinden, ziert ein drittes Element. Es steht für sechshundertvierzig Monate Leben, die Bezüge zu vertrauten und fremden Landschaften und zum Geschehen abseits der lauten und leichtgefälligen Sensationen. Ebenso für die Kopfreisen ins Land der Fantasie, die nichtsprachlichen Bereiche und das Missbehagen über Auswüchse, die Menschen ihre Wurzeln nehmen und sie all dem entfremden, was Sinn gibt und macht. Und für all jene Ereignisse, in denen ein Stück fremdes Leben mein Dasein touchiert, Fragen aufwirft und Ein-Sichten beschert. Wie Einschlüsse und Silberpartikel, Kräuselgarn und Pailletten haben sie sich an mein Tuch geheftet, sind mein Land geworden, mein Boden, der mich trägt und drängt, umhüllt und kennzeichnet. In diesem Dreieck der beiden Kantone und den Welten, die entdeckt oder offenbart zu vertrauten geworden sind, bewege ich mich. Und aus eben diesem Dreieck formuliere ich an dieser Stelle meine Wortmeldungen. Als Grenzgängerin gehe ich den  Säumen beider Kantone entlang und wandere das eine oder andere Mal landeinwärts.

Das Leben auf den Kantonsnähten birgt ganz profane Schwierigkeiten. Frau will eine Zeitung abonnieren und davon gibt es nicht mehr allzu viele. Ein Mantel und ein paar regionale Seiten. Und welche soll nun hier im Briefkasten liegen? Die Appenzeller Zeitung, weil ich in diesem Kanton wohne und mich die einen und anderen Geschehnisse und Absichten interessieren und weil ich zu den Namen gerne die Gesichter sehe?  Oder doch eher die Stadt St.Galler Ausgabe, weil ich dort arbeite, auch am kulturellen Leben teilnehme und über den viel beschriebenen Marktplatz gehe, bevor ich kurz nach dem Riethüsli die Kantonsgrenze wieder überquere?

Das Abwägen und Hin und Her hat eine Ende: seit ein paar Wochen stehe ich auf der Abonnentenliste der Appenzeller Zeitung. Den Bund für die Stadt St.Gallen fische ich nach Arbeitsschluss aus dem Altpapier des Arbeitgebers und trage ihn im Rucksack über die Grenze. So mag die banale Zeitungsfrage stellvertretend sein für die Haltung des „sowohl als auch“ anstelle des ausgrenzenden „entweder-oder“. . .

Februar 2011: Sternen gucken

Der Mann trug stets eine Zipfelmütze. Ob sie immer rot war, wie in meinem Erinnerungsbild, kann ich heute nicht mehr mit Bestimmtheit sagen. Viel mehr als die Zipfelmütze muss mich sein Gesicht beeindruckt haben. Dem Kind, das ich zu jener Zeit war, wären schwerlich Worte eingefallen, um dieses Anlitz zu beschreiben. Eine markante Nase, ausgeprägte Wangenknochen und die hohe Stirn. Der Mann war anders. Anders als mein Vater, anders als die männlichen Nachbarn und ganz anders als der Pfarrer oder der Lehrer. Seine Erscheinung und seine Lebensgewohnheiten, von denen mir damals lediglich das regelmässige Vorbeigehen vor unserem Haus auffiel. Die Menschen, die da ausser den mir bekannten Bauern, Hausierern und einem gelegentlichen Leichenzug unterwegs waren, liessen sich an einer Hand abzählen. Seine ganze Art  schien mir, ohne dass ich das hätte sagen können, von einer Welt ausserhalb jener zu künden, in der ich beheimatet war. Von einer Welt, von der ich nichts wusste, deren Fehlen ich durch diese Gestalt erst zu erahnen begann. Da musste noch etwas sein, von dem niemand sprach, von dem vielleicht in den Büchern die Rede war, die ich bald darauf mit einer Intensität zu lesen begann, als wäre dort die Lösung zu finden für ein diffuses Unbehagen; für das Verlangen, die Schleier beiseite zu schieben, um weiter oder tiefer oder anders zu sehen.

Es ging Zeit ins Land, bis ich erfuhr, wer da zwischen Dicken und St. Peterzell unterwegs war. Mit seinem Rucksack, dem energischen Gang und einem Gesicht, das mich an einen Vogel denken liess. Ich sah ihn vom Küchenfenster aus, wenn er den Wald nach der Brücke verliess und oft war ich vor dem Haus, sass auf den Treppenstufen oder auf einer gefällten Tanne und schaute. Scheu und doch neugierig. Ob er mich je angesprochen hat? Ich weiss es nicht mehr. Dass der Mann ein Maler sei, im Dorf Dicken wohne und Karl Uelliger heisse, habe ich bruchstückweise erfahren. Die Leute streckten die Köpfe zusammen – ihm mag es nicht verborgen geblieben sein – das Dorfgeflüster; Wispern und Äugeln der Immerdagewesenen.

Nach vielen Jahren bin ich einem Teil von Uelligers Schaffen wieder begegnet. Seine Bildserie „Mein Jugendbilderbuch“ wurde ausgestellt. Ein Bild fesselte die Betrachterin auf eine ganz besondere Weise. Die Sterne, die das Kind Karl in einem der Bilder betrachtet; dieses innige, selbstvergessende und sich wegträumende Staunen, berührte die Fasern des Kindes in mir, das noch heute sterneguckend über die Appenzeller Nachthügel zieht und hinauf und hinüber schaut in eine ferne Funkelwelt. Ich wurde klein vor diesem Bild mit dem Titel „Sternen gucken“, wurde das Kind, das schaut und zeitgleich das Kind, das den seltsamen Mann vor dem Haus vorbeigehen sieht und in diesem blauen Entzücken war die Zeit kein fortrinnendes Vergehen mehr, viel mehr verdichtete Gegenwart und in ihr eingeschlossen Vergangenheit und Sternenfernes. So will ich ihm danken, zu seinem Stern hin, für Bild und Farbe und Sein.

März 2011:  Im Hügelland

Wohnen im Appenzellerland bedeutet in vielen Fällen, an oder auf einem der vielen Hügel zu wohnen. In einem Landstrich, der durch Täler, Kerben, Wälle, Terrassen und die besagten voralpinen Hügel geprägt ist. Und von den Einzelhöfen, Streusiedlungen und Hägen und Hecken, letztere leider immer mehr vom Untergang bedroht, wie Mäddel Fuchs in seinem kürzlich erschienenen Buch eindrücklich zeigt. So steigen wir auf und steigen ab, bewegen uns in diesem von Waldstücken durchsetzten Gebiet und an Sonnentagen will es scheinen, als seien alle religiösen Prozessionen wieder eingeführt. In Scharen zieht es uns hinauf auf die Wege, die Höhen, Eggen, den Kamm, ans Licht und fast immer an einen Ort, an dem „er“ im Blick ist. Er, der Säntis und seine Nebenberge, das ganze Alpsteinmassiv, sind Kulisse des Lebenstheaters, das wir in dieser Erdenzeit durchleben: am bewusst gewählten Wohnort oder als hier Geborene. So wird es kein Zufall sein, dass sich die beiden Landammann-Kandidaten (wenn Sie das lesen, werden Sie sich an den neuen Namen gewöhnt haben) vor eben diesem Hintergrund präsentieren, an ihren Orten, den Berg im Blick.

Die Topografie ist eigenwillig, manch ein Wohnhaus abgelegen und sicher kein Fall für den Stadtwanderer Loderer. Unsereins hingegen weilt solcherorts, durchlebt einen langen Winter, weiss um Menschen, die sich in solchen Häusern einschneien lassen und bleiben, allem Ruf zum Trotz. Was den einen oder andern Städter schaudern lässt: er hätte sich nicht vorstellen können, dass hier noch Menschen leben, meinte ein Monteur und wird froh sein, wieder bei den Leuten zu sein. Während ich hin- und hergehe zwischen Stadt und Land und in den kalten Nebeltagen dieses Winters zum nahen Weberhäuschen hinunter geblickt habe, ob Licht sei oder Rauch, und mich verbunden fühle mit den Menschen, die sind und bleiben. Und dabei ein Haiku-Gedicht – zwar ein herbstliches und doch so passend – des japanischen Dichters Bashô murmle:

Tiefer Herbst.
Mein Nachbar –
wie mag’s ihm gehn?

In den Bauernhäusern wohnen nicht mehr in jedem Fall jene, die das Land pflegen und bewirtschaften. Da sind Zugezogene, Teilanwesende und Rückkehrer. Es mögen alle ihre Gründe haben, hier zu wohnen, hier zu bleiben. Chic, in, ungewöhnlich, Luft und Land, das ganze Brauchtum, die Steuern, was auch immer. Ich vermute auch einen Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Entwicklung, mit einem nicht immer benennbaren Unbehagen und dem Hunger der Menschen nach Sinn und Seelennahrung. Vielleicht in die Richtung, die Walter Gropius andeutet, wenn er sagt: „Seit wir das immer schneller dahinrasende Fahrzeug wissenschaftlichen Fortschritts bestiegen, haben wir nur unserem Verstand erlaubt, sich mitreissen zu lassen, während unsere Seele schon frühzeitig unter lauten Protesten gegen die höllische  Maschine abgesprungen ist“. Kann es sein, dass die Seele, das Gemüt oder das Herz auf der Hügelbühne vor dem Säntis noch immer etwas mehr Balsam findet als anderswo?

 

April 2011: Vom Schreiben und vom Kochen

Die Tafel begegnete mir ein paar Meter ausserhalb des Ausserrhodischen Kantonsbodens. Im Nachbarkanton. Es war eine der Tafeln, wie sie oft vor Restaurants oder Lebensmittelgeschäften stehen. Mit einer Menüangabe, einer Tages- oder Wochenspezialität, dem Brot der Woche, der Aktion des Monats oder einem unübertrefflichen Sparangebot. Besagte Tafel liess mich innehalten. Ich las ein Wort, das mir unbekannt war. Eigentlich mag ich unbekannte Wörter. Sie sind verhüllt, ich kann ihre Bedeutung entdecken und finde im besten Falle eine mir bis anhin unvertraute, unentdeckte Welt. Dieses Wort hingegen war anders. Es war ganz einfach falsch, sehr falsch geschrieben. So falsch, dass ich mich wunderte, dass die vereinigten Lehrer und Lehrerinnen der nahen Schule nicht in einem Sturm der Entrüstung eine kreative Aktion ins Leben riefen oder ich mit einem feuchten Lappen und Kreide zur Tat geschritten bin. Ich habe es nicht getan; es war taghell, ein stetes Kommen und Gehen und die leise Stimme flüsterte von fremdem Eigentum, Sachbeschädigung und dererlei mehr.

Ich ging also weiter, doch die Tafel verfolgte mich durch den Arbeitstag und ich überlegte, ob das so grässlich falsch geschriebene Wort vielleicht in einer Verbindung stehen könnte mit den teilweise widerlichen Produkten, die uns die Lebensmittelindustrie verkaufen will und die nichts, aber auch gar nichts mit Genuss, Kultur oder Gesundheit zu tun haben. Industrieprodukte, die weder schmecken noch nähren. Das Wort auf der Tafel bezog sich auf eine alte, traditionelle, je nach Landesteil saisonale Spezialität, die hierzulande gerne um die Fasnacht herum gegessen wird. Ich rede von Zigerkrapfen. Von einem Gebäck, bestehend aus einer Teighülle aus geriebenem Teig und mit einer Füllung aus Ziger, Gewürzen und „ein wenig Rosinlein“, wie das in einem alten Kochbuch beschrieben wird.  Nein, mit Ziger sind nicht die grünen Stöcklein aus dem Glarnerland gemeint. Ziger ist auch nicht Magerquark. Der Ziger für die Krapfen wird aus Sirte hergestellt, aus der Restflüssigkeit, die bei der Käseherstellung zurückbleibt, erhitzt und angesäuert wird. Ich weiss nicht, ob die Verkäuferin etwas zum Ziger hätte sagen können. Die Schreibweise dieser eigentlich sehr alten, auch im Appenzellischen verbreiteten Spezialität, sie wenigstens wünsche ich mir korrekt. Ziegerkraffen stand da. Ziegerkraffen. Ja, ich habe leer geschluckt.

Das falsch geschriebene Wort – solche Beispiele finden sich immer wieder, auch auf Speisekarten – mag ein Zeichen sein für eine Entwicklung, in der das Wissen über die Herkunft, Zutaten oder die Zubereitung vieler Speisen verloren gegangen ist, in der die Rösti aus dem Alubeutel kommt und das Gemüse vom Frostmann. Wie wohltuend jene Küchen, in denen natürliche Grundzutaten zu einem schmackhaften, durchaus auch einfachen Essen werden! Darüber wird noch zu schreiben sein. Korrektes Schreiben auf Werbetafeln lässt sich üben. Ich darf ja auch nicht mehr „ich buk“ schreiben, heute – nach der kleinen Reform – heisst es: „ich backte…“

Mai 2011: Die Mehrgenerationenhäuser

Es wird viel gebaut. Auch hier im Appenzellerland. Auf Streifzügen durch Dörfer und über Land begegnen einem Bauernhäuser, nicht wenige davon mit Raffinesse und subtilem Einfühlungsvermögen für Substanz, Raum und Zeit heutigen Bedürfnissen angepasst. Dazu gesellen sich Heiden-, Dorf- oder Bürgerhäuser. Seit geraumer Zeit säumen moderne Mehr- oder Einfamilienhäuser vorwiegend die Ränder ausfransender Siedlungszentren. Diese Wohnmoloche mit ihren überdimensionalen, oft klobig dunklen Fensterrahmen haben den Blick fast immer auf den Berg der Berge gerichtet und wollen sich so gar nicht in ihre ländliche Umgebung einfügen. Sie bleiben eigenartig fremd, abweisend und pflegen mehr den Habitus  einer Festung denn einer einladenden Wohnsiedlung. Aufmerksam weilend, ist unübersehbar, dass wirklich Menschen in solche Quartiere kommen, in ihren Automobilen sitzend in den Unterbauch dieser Bauwerke fahren, in ihrem Innern leben und schlafen und irgendwann, nach Stunden wieder hinausfahren übers Land in die Stadt, in die Welt. Mag einem bereits hier ein leichtes Gruseln packen, schüttelt es das Empfinden spätestens dann gehörig, wenn der Weg vorbei an einigen so genannten Einfamilienhäusern führt. Wobei „eine Familie“ gewiss mehrere Generationen meint, denn anders kann ich mir dieses raumfordernde, ausgreifende Bauen nicht erklären.

Das Bundesamt für Statistik gibt eine durchschnittliche Kinderzahl von eineinhalb Kind pro Frau an, was schon an sich ein schwieriger Wert ist, und wenn dieser Wert in einen Vergleich gesetzt wird zum Volumen einiger Häuser, wird es so sein, dass dort mindestens drei Generationen unter einem Dach Platz finden. Das mag eine mögliche Erklärung sein dafür, dass sich einige dieser Bauherren und Baufrauen nicht auf einen konsequenten Baustil einigen können. Drei Generationen, drei Baustile, ein Haus. Strenge Linien, das Dach mit einem Hauch Alpsteinsilhouette für das Appenzeller Erbe; ein bisschen Bauhaus; eine Trockenmauer für den biodiversitätsbewussten Schwiegervater neben einer Garage für den Caddy und seine drei grossen Strassenbrüder.

Nein, ich habe nichts gegen moderne Bauten. Es gibt im Ausserrhodischen das eine oder andere zeitgenössische Gebäude, das ich gerissen, konsequent und aus verschiedenen Blickwinkeln gelungen und zukunftsweisend finde. Mich stört der Grössenwahn. Das fehlende Gefühl für das Mass, für stimmiges Sich-Einfügen. Oder wenn ein Stil nicht durchgezogen wird, wenn ein bisschen davon und ein wenig davon eine unheilvolle Allianz eingehen. Das Ergebnis ist meistens ein Desaster. Währen der Geldgeber zu sagen scheint: Schau, was ich alles habe und kann, bleiben solche Werke meist seelenlos und fremd. Und wenn ein Gebäude, in dem zwei, drei oder vier Menschen leben (die tagsüber auswärts sind), so konzipiert ist, dass eine therapeutische Wohngemeinschaft mit zehn Mitgliedern bequem darin hausen könnte, wird es bitter. Das nämlich ist Ausgreifen in öffentliche Lebensräume und die Frage, ob hier in übergeordnetem Interesse nicht eine Begrenzung wünschenswert wäre, ist berechtigt.

 

Juni 2011: Eine Beziehungsgeschichte 

Es dauerte eine Zeitlang, bis mir klar wurde, dass ich jetzt einen eigenen Lehrer habe. Einen, der mich meine eigenen Erfahrungen machen lässt. Ohne Lehrplan und ohne Prüfungen. Keine jener Lehrerinnen, die mir vor Jahrzehnten fast alle Freude an handwerklichem Tun genommen haben. Beispielsweise, indem sie mich nötigten, Babykleider in widerlichem Rosarot oder Hellblau zu stricken. Einer Dreizehnjährigen! Oder sie anhielten, von Hand Knopflöcher in einen Pfulmen zu sticheln. Vom Flicksocken sage ich lieber nichts. Bevor Sie mir entsprechende Heilkurse oder Workshops anbieten: Ich habe mich kuriert und meine Hände sind auch praktischer Arbeit zugeneigt. Der Lehrer meiner Jetztzeit hält sich diskret im Hintergrund. Er schaut einer überbordenden Euphorie ebenso gelassen zu wie zeitweiser Unsicherheit oder einem folgenreichen Fehler. Seine Art ist anders.

 

Er zeigt mir den Wert des Wartens. Oder jenen des Vorausschauens, Planens und der Konsequenz. Er fordert stets aufs Neue Hinschauen und Innehalten. Er hat seine Linie und der bleibt er  treu. Auf eine Art, die nichts mit rigidem Konservatismus oder trotzigem Verschliessen zu tun hat. Seine Möglichkeiten sind nicht unbeschränkt und doch verzeiht er meine oft hilflosen Versuche, mehr zu wollen, als wir beide können. Seine Interventionen und Reaktionen sind subtiler Art. Unerwünschtes lässt er schweigend so gross werden, dass ich es unmöglich übersehen kann. So, dass ich zur Handlung gezwungen werde, soll nicht all das Neue, Kleine und Zarte verdrängt werden. Für den Fall, dass ich auf etwas Unverträgliches, zu Grosses oder Grelles hineingefallen bin, verfügt er über eine erzieherische Wundermethode: er lässt das Nichtpassende wie mit Zauberhand verschwinden. In einer kalten Nacht oder mit Hilfe seiner vielen Helfer. Einige habe ich kennengelernt. Sie haben eigenwillige Namen und stehen alle in einer Verbindung zueinander und zu meinem Lehrer. Dieser führt mir auch die Bedeutung und den Wert wiederkehrender Handlungen vor Augen. Ein, zwei oder drei Tage des Vergessens toleriert er mit der ihm eigenen Langmut. Dann kann ich seine Zeichen nicht mehr übersehen: er wirkt matt, fast ein wenig traurig und wenn ich sehr genau schaue, nehme ich so etwas wie dürstendes Verlangen wahr. In solchen Momenten verweile ich länger bei ihm.

 

Wir sind aufeinander angewiesen und verändern uns miteinander. Ich schwelge im Feld seiner tausend Möglichkeiten. Und übe mich im Mass halten, Sorge tragen und pflegen. Meine Beiträge, mein praktisches Tun und vielleicht auch mein gelegentlich eifernder Enthusiasmus fordern und beleben ihn. Ich nehme seine Reaktionen wahr, sehe die staunende Freude am unbekannten Neuen, Dankbarkeit und die Wechselwirkung unserer sich festigenden Beziehung. Wir lernen voneinander und verstehen uns immer tiefer. Mein Garten und ich. Auf eine Art, die mich und vermutlich auch ihn bis in die Wurzelspitzen hinein freut.

 

Juli 2011: Die Diagnose

Frau A kam als Erste der drei Frauen an den Nebentisch. Ich wartete auf mein Mittagessen und hatte, natürlich nur weil ich alleine da sass, eine Zeitung aufgeschlagen. Ein paar Minuten später trafen Frau B und Frau C ein. Die beiden Frauen schienen von einer Einkaufstour zu kommen. Die Taschen mit den Werbeaufschriften und die ermatteten Seufzer beim Absitzen deuteten darauf hin und ich bin fast sicher, dass sie unter dem Tisch aus ihren Schuhe geschlüpft sind und den brennenden Füssen eine Luftpause gegönnt haben. Doch das alles hat mich nicht sonderlich interessiert. Zusammengezuckt bin ich erst einige Minuten später.

Der junge Kellner hatte eben einen provenzalischen Gratin vor mich hin gestellt, als Frau A diesen Satz aussprach. „Eine Erkältung? Das hat eindeutig mit deiner fehlenden Ich-Akzeptanz zu tun!“. Peng! Blitzartig bewegte sich mein rechtes Auge weit möglichst in den rechten Augenwinkel, und meine ganze Hörfähigkeit verlagerte sich nach rechts. Ich sah, dass Frau A sich inzwischen sichtbar aufgerichtet hatte. Sie sass nicht einfach auf dieser Sitzbank in dieser Gaststube, nein, sie thronte. Frau B, die arme Erkältete, schaute sie an, als hinge ihr ganzes weiteres Leben von den Sätzen ab, die aus dem leicht geschminkten Mund ihres Gegenübers kamen.

„Ja, alle Erkältungen deuten in diese Richtung, und diese Nebenhöhlen-Geschichte ist ganz klassisch.“ Ich ahnte die bedenklich hochgezogene Braue, kaute und wagte nicht, ein Papiertaschentuch aus meinem Rucksack zu graben. Unauffällig versuchte ich, die Nase und damit deren Inhalt hoch zu ziehen. So, als würde ich lange und tief durch beide Nasenflügel einatmen. Es gelang mir fast geräuschlos. Am Nebentisch blieb das Besteck liegen. Es müsse Teile geben, die sie an sich nicht möge, etwas, das ihr ein vollumfängliches Ja zu sich selber verunmögliche. Das wiederkehrende Nasenfliesen werde erst aufhören, wenn es ihr gelinge, Frieden mit sich zu schliessen. Seit einer Woche floss es auch bei mir. Und nicht zum ersten Mal.

Frieden schliessen. Mit mir. Der Gratin schmeckte nach kalten Kartoffeln. Da muss also etwas sein. Nur was? Meine vorsommerliche Erkältung ist nicht einfach ein simpler Pfnösel oder Schnoderi, nein, er ist ein deutliches Zeichen. Das weiss sicher nicht nur Frau A vom Nebentisch. Viele andere werden es auch wissen. All jene, die mit ihr diesen Workshop besucht haben, denn irgendwo muss sie das ja gelernt haben. Ich war samt Erkältung am Arbeitsplatz, im Zug, im Bus, einmal an einem Vortrag. Nein, nicht auszudenken, wer nun alles weiss, dass ich das mit der ICH-Akzeptanz nicht auf die Reihe bringe. Und was da wohl sonst noch alles zu sehen ist? Sicher hat Frau A eine ganz lange Liste bekommen. Von A wie Augen bis Z wie Zehen. Meine öfters geröteten Augen; die zweitgrösste Zehe, die länger ist als die grosse; dass ich so heftig auf Mückenstiche reagiere; das seltsame Herzgeräusch, ich darf nicht weiterdenken. Ob mir der Gratin nicht schmecke, fragte der Kellner. Ich murmelte etwas von zu grosser Portion und zahlte. Seit einer Woche weiss ich, dass ich nicht alleine bin mit meinem Akzeptanzproblem. Drei Arbeitskolleginnen sind verschnupft. Von der Diagnose in der Gaststube habe ich keiner etwas erzählt.

 

August 2011: Auf der Suche nach Heidelbeeren 

Die Sommerferien gehen ihrem Ende zu. Mindestens für all jene, die sich nach einer Schule oder einem Betrieb richten müssen und nicht die Freiheit haben, sich ihre Auszeiten aussuchen zu können. Man kann sie bedauern, die Sommerfrischler, die mit Millionen anderen unterwegs sind; meist südwärts, stauend, mit einem Lunchpaket in der Kühltasche; auf der Suche nach einem Glück, das ihnen so fehlt, dass sie gleich nach Arbeitsschluss ins vollgepackte Auto steigen, mit der Zuversicht, dass es diesmal – endlich – gefunden werde. Jetzt trifft man sie wieder: braungebrannt oder verliebt, ernüchtert oder froh, wieder im vertrauten Teich zu schwimmen. Das mag erstaunen angesichts der Tatsache, dass viele im Juli nichts wie weg wollten, aus ihren Wohnungen, Häusern und allen anderen Beengungen. So, als wäre es keine Stunde oder schon gar keinen Tag mehr auszuhalten und so, als locke dort, am Meer oder auf einer Insel, das wahre Leben, grenzenlose Freiheit oder eine noch ganz unbekannte Seligkeit.

Es gibt unbestritten viel zu entdecken auf unserer weiten Welt. Zweifel am Motiv Entdeckergeist seien jedoch erlaubt. Wenn die Menschenströme für einmal nicht vom Süden in den Norden, sondern umgekehrt verlaufen und wenn sich Hotelburgen und Strände mit bleichen Glückssuchern füllen, ist die Neugier vielleicht schon befriedigt, wenn das Frühstücksbuffet reich bestückt ist und der Liegeplatz garantiert.

Das schreibende Landkind hatte ganz andere Sommerferien. Mit wiederkehrenden Glanzlichtern, die von nahen Zielen ausgingen und ihren Reiz vor allem aus der Tatsache schöpften, dass die Eltern Zeit hatten und diese mit uns teilten. Vermutlich wirkten wir auf unserem Schilter* wie eine Gugelfuer**, wenn wir über St.Peterzell ins Bächli und dann Richtung Ampferenboden fuhren. Entlang des Neckers, in dessen Quellgebiet unterhalb des Säntis wir jeweils badeten, Feuer machten und spielten. Immer waren in den Picknickkörben der Mutter Herrlichkeiten: Sülzli, Puureschöblig, Püürli oder ein Gugelhopf. Und die dunkelgrünen, richtig sauren, knackigen Cornichons, welche die Metzgersfrau mit einer Zange aus einem grossen Glas fischte und in ein fleischfarbenes Papier wickelte. Säntisnah, in einer fast urzeitlichen Umgebung, waren wir klein und doch eingebettet, ebenso wie auf der Alp Sellamatt im Toggenburg, von wo aus wir zum Wildenmannlisloch wanderten. Das ungeklärte, schaurig-faszinierende Schicksal de Seluner erfasste die Kinderseelen und verband sich später mit der Geschichte des Kaspar Hauser und eigenen, wild wuchernden Kopfgespinsten.

Wiederkehrend die Wanderungen über die Barenegg und Santmaregg hinauf auf die Hochalp; zum Heidelbeerpflücken auf die Chuchiwies oder auf die Wilket. Das dortige Panoramabild von den Oesterreicher Alpen bis hin zu den Berner Bergen wurde durch die geschichtlichen Schilderungen des Vaters belebt und geheimnisvoll zugleich.

Ich bin zurückgekehrt. An die unvergessenen Orte der Kindheitssommer. Die Orte und mein Blick waren neu und vertraut. Das Steinadlerpaar auf der Wilket war vor über vierzig Jahren nicht dort. Ich halte Ausschau nach Heidelbeeren.

* ein landwirtschaftliches Fahrzeug

** eine etwas liederlich beladene Fuhre

 

September 2011: Landliebe

Das Land oder das ländliche Leben sind in. Daran scheinen mindestens die Herausgeber all jener neuen Zeitschriften zu glauben, die im Namen dieses Trends den Zeitschriftenmarkt überfluten. Die Hefte reagieren auf eine vage Sehnsucht nach bodenständigem, naturverbundenem Leben und darüber hinaus auf eine scheinbar verlorene Sicherheit, vielleicht auch auf mangelndes Vertrauen in einen positiven Fortgang der gesellschaftlichen Entwicklungen. Die Postillen richten sich mehrheitlich an ein landfernes Publikum und beschwören eine seltsame Nostalgie. Ein geschickter Schachzug, denn wer möchte sich nicht in eine warme Geborgenheit zurück ziehen, wenn sich unguten Meldungen häufen; die Stelle unsicher oder die Beziehungen brüchiger geworden sind. Ursprünglich soll es sein, wenigstens in Gedanken und Träumen; ein Holzherd vielleicht, gefüllte Einmachgläser, vor dem Haus ein grosser alter Baum und Kleider aus Stoffen, die jahrelang getragen werden können. Die Beiträge in diesen neuen Heften bedienen auch eine Art Trauer über eine fast vergangene Welt. Sie flüstern der geneigten Leserin zu, diese alte Landwelt sei noch da, erlebbar für alle, auch für die Familie in der genormten Eigentumswohnung oder jene an der vielbefahrenen Durchgangsstrasse. Da werden Samen aus Tomaten geklaubt und getrocknet; die Bettwäsche wird in festem Leinen angeboten und ganze Büsche farbiger Schnittblumen hängen kopfüber, um eingearbeitet zu werden in ein ländliches Bouquet für eine lange Tafel mit vielen Leuten.

Eine zelebrierte Welt, die so heil nie war und ist, und kaum eine für die Käufer dieser Hochglanzghefte. Ihnen wird vorgegaukelt, dass eine Rückkehr möglich ist, dass es ein Landparadies gibt, dass auch sie teilnehmen können an einer Welt, die überschaubar ist und Menschenmass hat. Eine, in der die Milch von den Kühen kommt und die Äpfel vom Nachbarn. In dieser Märchenwelt sind die Kinder rotwangig und anständig, die Väter tragen Manchester und riechen nach Gras, Pferd oder Tabak, und die Mütter sind die Gralshüterinnen dieser Oasen. Die Texte in den Heften sprechen nicht an, was die beschriebene Welt schrumpfen lässt, sie zerstört oder ausblutet.

Hierzulande sieht es ganz so aus, als sei das eine oder andere kleine Paradies noch am Leben. So real, dass bei genauerem Hinsehen klar wird, dass wir kein Biotop für eine aussterbende Spezies sind, dass die üblichen Versuchungen auch uns verführen (wollen) und dass Achtsamkeit gefordert ist im Umgang mit dem Anvertrauten, den Bräuchen, und das bei gleichzeitig notwendiger Weiterentwicklung. Auf dass wir nicht eines Tages auf die gedruckten Landscheinwelten angewiesen sind, sondern weilen und wirklich leben können, ländlich oder stadtnah, mit einem wachsamen Blick für das gesunde Mass. Ein Mass, das Ja sagt zu verträglicher, nachhaltiger Entwicklung und ein ebenso klares Nein zu Plastikwelten, verunstalteten Berggipfeln oder käuflicher Action.

 

Oktober 2011: Die Hundsrose

 

 Das Jahr schreitet fort. In Kellern, Fässern, Lagerhäusern oder Speisekammern lagern gesammelte Schätze. Die Alpkäse eines Sommers reifen, die Traubenernte lässt hoffen und die Apfelbäume waren reich behangen. Wer schätzt, was wild und frei und ohne unser Zutun gewachsen ist, freut sich unter anderem an einer Holderzonne oder einem Steinpilzrisotto, an Brombeerconfi oder Kornelkirschen. Wenn die Natur auch vom frühen Frühling bis in den späten Herbst kulinarische Geschenke bereithält, ist doch der Herbst die Zeit, in der sich die hortenden Gene stärker bemerkbar machen, in der Flaschen und Gläser gefüllt werden, Hurden und Mieten eingerichtet, Herzwein und scharfes Öl angesetzt werden.

Es gibt sie, die Dinge die einem einfach so geschenkt werden, sie auch wahrzunehmen, fällt nicht immer leicht. Zu selbstverständlich sind grüne Wiesen, reine Atemluft oder das ganze Füllhorn der Kultur im umfassenden Sinne. Kann es sein, dass Überfluss auch blind macht? Ohne zu vergessen, dass auch hierzulande nicht alle sonnenhalb wohnen, ist es doch (noch) so, dass der grössere Teil der Menschen in unserem Land in ge- und beschützten Verhältnissen leben kann – zum Glück! Der aufmerksamen Leserin oder dem wachen Zuhörer kann nicht entgangen sein, dass sich in naher Zukunft das eine oder andere ändern könnte, dass wir mitsitzen im schlingernden Weltboot und die aufgebrachten Wellen auch an die Appenzeller Gestade branden.

Die flott zurecht gemachten Gesichter auf den diversen Wahlplakaten scheinen zuversichtlich Richtung Bern zu schauen, ob und wie sie Einfluss nehmen können auf das Umbruch-Geschiebe, sei dahin gestellt.  Gerade weil es uns gut geht, sollten wir achtsamer werden. Es hat sich immer wieder als vorteilhaft erwiesen, weise vorzusorgen, statt hektisch zu reagieren. Unsere Region – das Appenzellerland – ist überschaubar. Sie kann und darf sich nicht abkoppeln von der Welt, doch niemand kann ihr verwehren, Strategien zu verfolgen, die unabhängiger machen, nachhaltiger sind und dem regionalen Zusammenhalt dienen. Was hindert uns, beispielsweise einen höheren Selbstversorgungsgrad bei den Nahrungsmitteln anzustreben und damit die eigene Landwirtschaft und alle damit verbundenen Kulturtechniken zu fördern? Muss es sein, dass sich jeden Morgen eine Blechlawine aus dem Appenzellerland Richtung St. Gallen ergiesst, mit notabene fast immer einem einzigen Menschen in einem für mindestens vier Plätze eingerichteten Auto? Wie werden aus Schlafhäusern Lebensräume, in denen sich die Nachbarn kennen, grüssen und unterstützen? Es ist anzunehmen, dass wir in näherer Zukunft auch verzichten müssen. Und dabei möglicherweise gewinnen. Nicht nur, weil wir Zeit haben und die Hundsrose kennen. Es könnte sein, dass wir unter dem Zuviel eine ungeahnte Tiefe entdecken. Eine, die uns dem Menschsein näher bringt. Eine, die uns lehren könnte, dass glänzender Tand keinen Bestand hat und die Seele nicht nährt. 

 

November 2011: Blumen und Erde

Es sind über vierzig Jahre her, seit das kleine Mädchen in den Häusern der Umgebung aufgebahrte Nachbarn oder Tanten sah. Menschen, die eine dunkle Kleidung oder ein Totenhemd trugen und blumenumkränzt und stumm ihre letzten diesseitigen Besucher empfingen. Stumm und doch noch ganz da. So sehr, dass sich das kleine Mädchen kaum getraute, die Vaterhand loszulassen und näher zu treten. Da war ein Gesicht, ein bleiches, eingefallenes vielleicht, gezeichnet von einer Lebensbürde oder einer Müdigkeit, die mitreiste an die Orte des Todes. Oder das Tantengesicht, lächelnd und schön irgendwie, die Züge verjüngt und friedlich; es schien, als schlafe sie einen zufriedenen Kinderschlaf. Tot sein mag sich einem kleinen Kind nicht in der ganzen Konsequenz erschliessen. So blickte das Mädchen scheu zur Tante, die im Nachbardorf gelebt hatte und die das Kind vor allem wegen den selbst gemachten Nidelzeltli immer wieder besucht hatte.
Die alte Frau lag zwischen Nelken und Efeu, die Hände gefaltet. Verwandte, Nachbarinnen und Dorfbewohner kamen, schauten sie an, falteten ebenso die Hände, murmelten Unverständliches. Einige küssten die Tote, weinten und blieben eine Weile im Raum stehen. Kerzen flackerten und neben dem Weihwassergefäss lag ein kleines Tannenästchen. Dann stiegen die Trauernden die knarrende Treppe hoch in die Wohnstube. Jemand servierte Kaffee, es gab Brot und Kuchen. Die Pendule mass die Zeit, weisse Taschentücher wischten über Augen und Nasen, die Gespräche flochten ein Gewebe aus Erinnerungen, Schmerz, vielleicht auch dem kleinen Glück, noch einmal davon gekommen zu sein. Dem Mädchen blieb der Kuchen im Hals stecken.
Später dann der lange Weg zum Friedhof, auf dem Wagen hinter den Pferden die Tante, die Trauernden in ihren dunklen Kleidern verschwammen zu einem betenden Feld. Waren wir weder Nachbarn noch verwandt, mussten wir drinnen bleiben, während die Trauerzüge vor unserem Haus vorbei zogen, drinnen hinter Fenstern und Vorhängen.
Die Tante war nun eingeschlossen in ihren Sarg, das Erdloch erschien uns Kindern endlos tief. Vom Verbrennen sprach niemand, die erste Schaufel Erde gehörte dem Priester, dann waren die Nächsten dran, Blumen und Erde fielen auf den Holzkasten, den die Friedhofsarbeiter hatten hinab sinken lassen. Später dann eine Messe, Worte, Lieder und noch später der erneute Grabgang, wo jetzt Blumen und Kränze und ein Holzkreuz standen.
Im Rössli, Schäfli oder Hörnli fand man sich ein zum Trauermahl. Die Tote, der Tod und das Leben waren in der Gaststube;  man ass, um sich für das Leben zu kräftigen und für den Heimweg zu stärken, der weiter weg führte oder zu Fuss zurück gelegt werden musste. Und irgendwann am späteren Nachmittag brach die Trauergesellschaft auf, mit glänzenden Augen, zurück in die Dörfer, auf die Höfe, in die eigene Kammer.
Wir haben nicht gewonnen, indem wir den Tod aus den Stuben verbannt haben. Ihn unsichtbar und vermeintlich unspürbar gemacht haben. Vielleicht wäre es gut, die einzig sichere Sache im Leben wieder mehr in die Mitte zu nehmen. Gut für unser Leben und gut für jene, von denen wir Abschied nehmen.


Dezember 2011: Lotsch und Fraasli

Sie kamen aus Zürich. Vielleicht aber auch aus Bülach, Spreitenbach oder Wallisellen. So genau hat das niemanden interessiert. Sie kamen von dort, wo das Gefährliche wohnte und das war in jedem Fall Zürich. Nie kamen Bern, Basel oder Genf ins Spiel. Sie sassen in breiten Schlitten, einem Pontiac oder Chevrolet, in Pick-ups oder einem Döschwo. Sie fielen auf durch diese Fahrzeuge, die so ungewohnt gross oder farbig waren und mit denen sie durch die Dörfer über Land fuhren, hin zu den abgelegenen, verlassenen Bauernhäusern. Nicht nur die glänzenden oder mit Abziehbildern und Parolen verzierten Automobile waren ungewohnt und weckten den latent schlummernden Argwohn gegen Anderes, Unbekanntes oder Fremdes. Weit mehr befremdeten die Menschen, die diesen Karrossen entstiegen und die dann und wann anhielten, nach einem Weiler oder Hof fragten, um dann weiter zu fahren, brausend oder stotternd, je nach Gefährt. Männer und Frauen hatten lange Haare, wobei erstere eindeutig in der Mehrzahl waren. Sie trugen Hosen, die sich sehr weit um ihre Beine plusterten oder solche, die oben eng anliegend waren und um die Knöchel breit schlagend. Auf den Gilets glänzten Pailletten oder die indische Spiegelchen-Technik, Fransen und Glitter gehörten dazu oder Shirts, wie wir sie ein paar Jahre später abgebunden in Farbbäder tauchten. Wir zogen diese Batikshirts an, wenn wir uns irgendwo im Kreis auf den Boden setzen konnten und uns gross und anders fühlten, unverstanden und neugierig auf ein Leben, das unzählig viele weisse Seiten hatte.

Da war Bidi, der seinen Namen einer seiner Rauchwaren verdankte oder das Paar, das mondän wirkte, weil die Frau Leopardendrucke, künstliche Wimpern und eine Hochsteckfrisur ausführte, so aufregend anders, dass wir im Dorfladen, wo sie ihre besten Auftritte hatte, stehen blieben und mit fallender Kinnlade äugten. Wie brav und bieder waren Bürzi oder Dauerwelle, wo es doch solch auftoupierte Vogelnester gab mit glitzernden Kämmen, orientalischen Haarnadeln oder perlmuttfarbenen Spangen. Und ihr Geruch! Keine Spur von Pitralon oder 4711, was da als Welle hinter den beiden herzog, war harzig, süsslich, unbekannt und geheimnisvoll. Sandelholz, Patchouli oder Ylang Ylang waren unbekannt. Wir wurden geheissen, uns auf gar keinen Fall einzulassen mit diesen farbigen Wesen, die sich in den Toggenburger- und Appenzellerhügeln niederliessen und denen nicht über den Weg zu trauen war. Schliesslich waren sie gewiss nicht grundlos stadtflüchtig, ganz bestimmt hatten sie Drogen und überdies Sitten, die nicht ins Brevier braver Bauernkinder passten. Lotsch und Fraasli murrte es hinter den Vorhängen und als angehende junge Frau tat man gut daran, sich nicht an solche Fraasli zu halten, mindestens dann nicht, wenn man weiter die Beine unter eben diesen Tisch strecken wollte.

Die Jahre gingen ins Land, Bidi und ein paar Andere blieben, einige verschwanden; tot, wurde gemunkelt. Lotsch und Fraasli haben Kinder bekommen, kürzere Haare, ein Haus umgebaut; sie sitzen in einer Schulbehörde und tragen noch immer farbigere Kleider. Und sie machen Musik, malen oder tanzen. Geschenke, die beleben und bereichern . . .

Januar 2012: Ein Zeitwunsch

Sie kennen es: eine Minute beim Zahnarzt wird nicht als gleich lang empfunden wie in verliebtem Zustand eine Minute lang zu küssen. Je nach Situation variiert unser Empfinden für die vorbeigehende Zeit. Älter werdende Menschen bestätigen, dass sie mit zunehmendem Alter die Zeit als immer rascher vorbeihastend erleben. Schon wieder ein Jahr oder gar ein Jahrzehnt vorbei: Geburtstage oder ein Übergang in ein neues Jahr sind nicht mehr nur Anlass zur Freude. Erstaunt und fast etwas verwirrt finden wir uns dabei, Jahresrückblicke passieren zu lassen, um dann festzustellen, wie viel geschehen ist  und wie viel davon wir bereits wieder vergessen haben. Wie schnell sind  dreihundertfünfundsechzig Tage vergangen!  Erschreckt uns das, weil wir doch noch ganz Anderes wollten in dieser, unserer Zeit?

Ich wünsche Ihnen in diesen Tagen nicht einfach „nur“ Zeit. Diese scheint uns  zunehmend abhanden zu kommen, weshalb das so ist, versuchen Zeitforscher zu erläutern. Nein, ich möchte uns andere Zeit wünschen:  Zeiten, in denen der Mensch vielleicht Eindrücke einer Dimension erhaschen kann, welche uns weiter und tiefer einbettet als in die kurze Spanne zwischen Geburt und Tod. Vielleicht tauchen kurze, intensive Momente auf, in denen etwas von dem aufblitzt, was immer da ist, meist verborgen unter einer mehr oder weniger dicken Alltagsschicht. Solche Augenblicke haben keine festen Bedingungen, sie geschehen fast immer unerwartet, offene Herzaugen vorausgesetzt. Sie sind da, wenn nach einem mühsamen Aufstieg der Berggipfel erklommen ist und sich die Sicht weitet. Wenn aus einer Begegnung eine wird, in der Menschen zuhören und sich mitteilen. Vielleicht zeigt sich diese weite Zeit, wenn Sie einem Zäuerli lauschen oder einem Eisvogel begegnen. Kleine Kinder schenken mit ihrem Staunen, ihrer Unabgelenktheit und ihrem Lachen nährende Zeit, vorausgesetzt, sie dürfen Kind sein und dies auch leben. Intensive Hinwendungen in den Feldern der Kunst oder des Handwerks vermögen ebenso wie packende Lektüre zu einem aussergewöhnlichen Zeiterleben führen: so, dass der Mensch für Stunden zeitlos sein kann, sie (und sich) vergisst und in seinem Tun aufgeht. Sich Ziele zu setzen, kann für bestimmte Bereiche von Vorteil sein. Doch auch das Gegenteil, nämlich keine Ziele haben, hat seine Berechtigung. Solche Zeitphasen sind Ritzen, aus denen Beiseitegeschobenes oder Tieferliegendes wächst. Wir brauchen eine durchlüftete Seele, damit wir gesund empfinden und mehr vom Wesentlichen entdecken. Der Dichter Werner Lutz beschreibt in einem seiner Gedichte eine Seins- und Zeitqualität, die so ganz anders ist als das hektisch vertraute „noch schnell“:

Das Schlendern

das Verstreuen von Schritten
das absichtslose Gehen
durch Stunden und Gedanken

Ich wünsche Ihnen zu Beginn dieses Jahres 2012 von eben solcher Zeit: stille, beglückende und planlose Stunden. Daraus mögen Momente entstehen, in denen Partikel des Glücks tanzen und uns darauf verweisen, dass Menschsein viel mehr umfasst als das, was gemeinhin gegen aussen sichtbar wird.

Februar 2012: Ein bedrohtes Handwerk

 Haben Sie schon einmal in einer grösseren Buchhandlungen die Kochbuchabteilung besucht? Die Fülle liesse vermuten, dass im privaten Haushalt oft und mit einer gewissen Akribie gekocht wird. Jeder noch so eigenwilligen Knolle und der verstecktesten Ecke dieser Welt wird ein Kochbuch gewidmet. Alle möglichen Zubereitungsarten, jede Tageszeit und alle Lebenslagen verlangen nach eigenen Rezepten. Falls Sie, anders als ich, ein Fernsehgerät besitzen, werden Sie bemerkt haben, dass auch in diesem Medium das Kochen zelebriert wird. All dem zum Trotz: ich vermute in den privaten Küchen das eine oder andere Trauerspiel. Was kaum an den glänzenden, teuren und hightechmässig ausgerüsteten Kochinseln liegt; nicht an den fehlenden Moneten oder einem Mangel an verfügbaren Zutaten. Ich habe Grund zur Annahme, dass viele dieser Bücher und Sendungen bieten, was der Mensch nicht mehr kann oder mag. Denn: es muss eine ansehnliche Gruppe geben, die all die angebotenen Fertig- und Halbfertigprodukte isst, im Schnellimbiss tafelt oder sich von Snacks aller Art ernährt. In einigen Gaststuben lassen umfangreiche und von den Jahreszeiten unbeeindruckte Speisekarten vermuten, dass mehr regeneriert denn gekocht wird.

Wir gehen alter Handwerke verlustig und eines davon ist das Kochen. Zuvor schwinden Achtung und Respekt gegenüber guten Grundzutaten und deren Produzenten. Wer keine Vorstellung mehr darüber hat, wie Getreide wächst oder was es bedeutet, einen Rohmilchkäse herzustellen, der wird weder ein handwerklich hergestelltes Brot noch ein wirklich gutes Stück Käse schätzen. Geschweige denn wissen, wie eine Rauchspeckseite oder Sauerkraut entstehen oder weshalb für zwanzig Rappen kein anständiges Ei zu bekommen ist. Rauchspeck findet sich in meiner Küche schon sehr lange nicht mehr. Nichtsdestotrotz würde ich denjenigen, den meine Mutter in Salz einlegte und dann in die Rauchkammer hing, aus allen andern wieder erkennen. Die fast rituelle Zubereitung und das Plangen machten diese Speise zu einer seltenen Kostbarkeit. Sie gehörte zur Winterzeit und blieb selten lange eingewickelt in ein Papier zwischen Vorfenster und Fenster. Heute ist Warten verpönt. Fast alles ist immer erhältlich, ohne Rücksicht auf Genussreife oder regionale Verfügbarkeit. Das Wissen um jahreszeitliche Verläufe und damit verbundenen Spezialitäten scheint rar geworden zu sein. Doch erhöhen nicht erst Sehnen und Erwarten das Verlangen, den Genuss? Wie sinnlich und genussvoll klingen schmoren, einkochen, mazerieren, reduzieren, klären, einlegen oder lufttrocknen. Ja, alles braucht Zeit, Kenntnisse und Geduld. Doch die belohnen mit konzentriertem Geschmack und achten all jene, die sich umsichtig mit der Erzeugung von einheimischen Nahrungsmitteln befassen. Vollenden wir diese Arbeit – in der Küche, ob alltäglich schlicht oder festlich – und tradieren wir damit auch die entsprechenden Fähigkeiten. Auf dass unsere Enkel noch wissen, was Bereschlorzi ist und auf dass unsere Nahrung nicht eines Tages ganz aus der internationalen Industrieküche stammt…

März 2012:  Die Plangende von Teufen

Vielleicht hat es sich schon in der Kältezeit im Februar angebahnt. Ein subtiles Drängen, das in den Fingern juckt. Es brach auf, als ich eintauchte in die Welt von Frost- oder Lichtkeimern, von Nachtschattengewächsen, Lippenblütlern oder Gänsefussgewächsen. Ein paar Wochen nur, nachdem ich die letzten Kräuter gedörrt und die Rhabarberstaude für den Winter eingepackt hatte, tauchten zwischen Zeitung und Steuererklärung die beiden Saatgutkataloge auf. Atemlos und berauscht blätterte ich ein erstes Mal durch die Seiten. Ich sah Froschkönigs Goldkugel, eine Schwarze Krim oder die Kleine von Mexiko. Mit San Marzano-Tomaten behangene Sträucher, in der Speisekammer Einmachflaschen mit tiefroter Tomatensauce. Sollen es Baumtomaten oder doch mal Berner Rosen, die Gelbe von Thun oder eher eine gezahnte Sorte sein? Sicher wieder Basler Röteli und ebenso sicher ein paar Chilistöcke. Die milden für alle und die Habaneros für mich. Ob vielleicht die Bergaubergine etwas wäre? Obwohl, mit den gewöhnlichen hatte ich Glück. Sie seien besser im Treibhaus anzupflanzen, stand im Gartenbuch. Ich versuchte es im Freien und siehe da, spät zwar, aber umso üppiger wuchsen die schwarz glänzenden Früchte. Doch da wären auch Erdbeerspinat und rote Gartenmelde. Die Runde von Nizza  oder die Pariser Herzchen. Eine neue Gurkensorte und die Schöne von Richigen, eine Stangenbohne aus dem Emmental.  Aber halt, ich habe ja schon Bohnensamen! Per Internet bestellt bei einem angefressenen Tomaten- und Bohnengärtner aus der Steiermark. Für raue bis sehr raue Landstriche. Nonnennabel, Alte Adeiner oder Monstranzbohnen. Im Paket waren auch Tomatensamen: die Sibirischen Finger oder die kälteresistente Kasachstan Rubin. Mein Garten liegt auf knapp tausend Metern über Meer, im Appenzellerland, rau bis sehr rau. Den griechischen Bergtee werde ich weiter im Laden kaufen müssen und die Winterheckenzwiebel serbelt. Auf einen Peperoniüberschuss werde ich hier in Teufen wohl vergeblich warten, während Lauch, Zwiebeln, Mangold, Krautstiel, die verschiedensten Salate, Kräuter und Blumen freudig wachsen. Hier fällt mehr Schnee als in der nahen Stadt und laue Frühlingslüftchen lassen länger auf sich warten. An solchen Tagen träume ich von wärmeren Gefilden. Von Orten, wo ein zufällig zu Boden gefallenes Samenkorn wächst, wo die Schnecken fehlen und wo niemand von den Eisheiligen spricht. Ich träume von einem Rebberg und von Aprikosenbäumen. Ich plange und drücke mit leichter Unvernunft Samen aller Art in die Erde, giesse und stelle sie aufs Fensterbrett. Wochen später pikiere ich Pflänzchen im Dreiblattstadium, trage sie ins Schöpfli oder ins kleine Treibhaus und lese mehrmals täglich die Wetterprognosen. Ich halte Abdeckungen aller Art bereit, bestaune das Wachsen und freue mich täglich. Ueber das wiederkehrende Wunder, dass in einem winzigen Samenkorn alles enthalten ist und dass auch hier, im eher rauen Landstrich, mit etwas Fürsorge Pflanzen aller Art dem Licht entgegen wachsen.

 

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