Die Wortkleider

Es war früher Morgen und früh am Morgen mag ich weder Lärm noch Wortkaskaden. Was in öffentlichen Verkehrsmitteln natürlich weder morgens noch abends jemanden interessiert. Die Frau sass hinter mir, neben ihr ein Mann. Und auf eben diesen prasselte während der fünf Minuten dauernden Fahrt Wort um Wort.

Keine Atempause, weder Satzzeichen noch eine Nachfrage, ob die Wortsendung angekommen sei. Es war Sonntagmorgen und die Welt sehr sehr schlecht. Sie wusste, weshalb. Am Strassenrand Nachtspuren, Bierdosen und Fastfood-Tüten. Eine Welt ohne Junge, Randalierer und ohne Pack wäre anders. Sauber und freundlich. Die gleichen Leute machen nämlich in der Wohnung unter ihr einen Saukrach. Und haben der Bekannten in Zürich den Geldbeutel geklaut. Sowieso Zürich. Dort kann man gar nicht mehr auf die Strasse. In St. Gallen ist es nicht viel besser. Und die Huberin kann die Wäsche immer noch nicht aufhängen und in Bern oben… Marktplatz. Vielleicht steigen sie aus. Sie wollen weiter und auch ihr Lamento erfährt keinen Unterbruch. Sie zischt von Gosse und Schweinereien und ich sehe den Wortmüll, der sich über ihre Umgebung ergiesst und mir ist, als schleudere sie giftige Speicheltropfen an meinen Nacken, Giftklasse 1. Ich schlage den Jackenkragen hoch und rutsche auf meinem Sitz etwas tiefer.

Abends gehe ich mit einer Freundin essen. Wir haben uns lange nicht gesehen und suchen einen ruhigen Platz. Die Bestellung ist aufgegeben, die Stühle näher gerückt, doch da… ein Frösteln. „Es zieht!“, höre ich mich sagen – natürlich sage ich „dòò züchts“ – und wie ich mich das sagen höre, fühle ich mich alt. Da sitzen die Tanten mit am Tisch, sie ziehen ihre Schultertücher oder die Wolljacken enger um sich, weil es durch unsichtbare Ritzen und Spalten zieht; Türen oder Fenster sind zu schliessen, weil es Döörzog gibt und man davon Rheumatisch oder die Halschehri bekommt; es ist tüppig oder hääl. Ich bin in eine Sprachkerbe gefallen; höre mich wie meine Ahnfrauen reden; sage Worte, die eingetrockneten Konventionen entstammen und das ist die eine Seite einer nicht ganz einfachen Geschichte. Die andere brennt ebenso, es ist die Zeit, es sind die Jahrzehnte, die Jahresringe, kaum noch einmal soviel Zeit wie schon war. Das Essen kommt und wir reden von Dingen, die wir dem Wind überlassen haben, vom Zwicken hier und dort, von Vitaminen, der Arbeit und der nächsten Abstimmung. Von den Träumen reden wir nicht, auch nicht von den Ängsten. Vielleicht wäre gerade dort die Sprache ganz unsere, sie wäre tastend, zweifelnd, vorsichtig. Kein gedankenloses Benutzen tausendfach gebrauchter Begriffe, keine Worthülsen und keine Floskeln. Ich müsste in mich schauen, die hintere Kammer öffnen, ein von niemandem gesehenes, ungemaltes Bild beschreiben. Und es könnte sein, dass ich stammeln würde, zwischen den Sätzen schweigen und dass ich in deinen Augen so etwas wie Wohlwollen suchen würde.

 


 

Döörzog – Zugluft, Durchzug
Rheumatisch – Rheumatismus
Halschehri – steifer Nacken
tüppig – schwül warm
hääl – glatt, glitschig

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