Fragment 1: 1. März 2009

 

In der Radiosendung „Echo der Zeit“ wird über eine Selbsthilfegruppe japanischer Ehemänner berichtet. Sie lernen in mehrstufigen Programmen, ihre Gefühle auszudrücken, sich ihren Frauen gegenüber zu engagieren und so vielleicht die eine oder andere Scheidung zu verhindern. Stufe zehn ist erreicht, wenn der Mann sich traut, seiner Frau zu sagen: „I ha dii gärn“ (japanisch natürlich). Ob sie auch lernen, Gefühle wirklich wahrzunehmen und eben nicht nur trainieren, etwas auszudrücken, habe ich nicht gehört.
Es lächelt sich leicht über solche Praktiken, die vermutlich mehr aussagen über Sozialisierung, Werte einer Gesellschaft und das Abwürgen eines wichtigen Teils des Menschseins. ABER: wohin steuern wir? Wenn ich mich umsehe, fallen mir einige Punkte auf, die in bedenkliche Richtungen weisen. Sind Menschen, die mehrere Stunden täglich vor der Flimmerkiste verbringen oder jahrelang ihre Ohren und ihr Hirn vollstopfen mit aggressiv aufgeladener Musik noch empfänglich für die leiseren Töne, das Zarte, die Feinheiten der Sprache zum Beispiel oder das langsame Verschwinden einzelner Tierarten, Pflanzen oder bestimmter Kulturtechniken? Oder was ist zu denken zu all den jungen Menschen, die mit leeren Gesichtern und ohne elterliche Sorge und Grenzziehung ins Leben torkeln? Zu Arbeitgebern die ihre vervielfachte Pension längst im Trockenen haben und jetzt wieder einmal ein Angstklima schaffen, auf dass keiner und keine aufmucke und die eigene Meinung sagt? Was für Menschen quälen ihnen anvertraute Demente? Von all den subtilen Mechanismen der Einflussnahme durch Verbandelungen, gestrafftes Zeitungsangebot, politische Päcklis undsoweiterundsofort will ich gar nicht beginnen.

Im Denken des Durchschnittsmainstreamers sind all jene suspekt, die frei zu gestaltende Zeit vor Geld und Konsum setzen. Wer Kiesel ins Konsumrädchen wirft, nachfragt oder sogar einmal das Wort Verzicht benutzt, ist gefährlich. Wir stehen kurz davor, einiges endgültig zu verlieren und verarmt in eine ungewisse Zukunft zu gehen. Darüber bei Zeit neue Fragmente . . .

 

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