Fragment 2: 19.März 2009

Ein Feld, in dem sich ein trauriger Verlust abzeichnet – seit längerem – ist jenes rund um unsere Nahrungsaufnahme – sinnlicher gesagt, ums Essen. Dass es dabei nicht nur ums Essen an sich geht, liegt auf der Hand. Das Ganze ist eingebettet in eine Kette von Absurditäten, an deren Ende Tüten, verschweisste Packungen, Instant und Abfallberge liegen. Neben der Unfähigkeit, Gutes von Schlechtem zu unterscheiden, seine Sinne zu schärfen, gerechte und gesunde Anbaumethoden zu unterstützen und … leider … auch der Unfähigkeit, zu geniessen. Meine These zum Desaster: es gibt eine sehr grosse Gruppe von Menschen, die jeglichen Bezug zur Herkunft der Lebensmittel verloren haben, ihre Geschmacksnerven kaum ausgebildet haben, keine Zubereitungsmöglichkeiten kennen und vor dem Kühlschrank und TV irgendetwas verzehren. Dass das in den meisten Fällen mehr als zweifelhafte Produkte mit Mitweltfolgen (industrielle Fertigung, „Anreicherung“ durch chemische Stoffe, ökologische Sünden, keine wirkliche Sättigung, Folgeerkrankungen etc.) sind, macht diese Entwicklung mehr als bedenklich.

Ich schildere jahrelange Beobachtungen (u.a. aus Arbeitsfeldern) – ein Blick in viele Einkaufskörbe und die Gestelle der Anbieter bestätigt immer wieder meine Vermutungen: da werden Dinge gekauft und verspiesen, die einem einigermassen natürlich lebenden/denkenden Menschen die Nackenhaare sträuben lassen. In Beuteln werden fertige Menüs verkauft, Saucen und Salate. Im gefrorenen Bereich gibt es von irgendwo aus der Welt aus den Netzen der alles ausräumenden Beutejäger einfach alles – teilweise zu Spottpreisen. Dasselbe gilt für Fleisch-und Geflügelteile die vermutlich unter grausligsten Bedingungen gehalten, tot und gefroren durch die Welt fliegen, um in die Schlunde nichts denkender Esser zu wandern. In Tüten werden Snacks, Chips und Süssigkeiten angeboten, die strotzen vor Geschmack und Farbe. Aufgrund der Zusammensetzungsliste darf frau annehmen, dass da ein williges Grundmaterial unklarer Herkunft (Soja? Sägmehl?) mit Aroma bestäubt (Speck, Paprika, Provence und wie die Werbefritzen und Foodchemiker das nennen) verwendet wurde, noch toll Farbe und Haltbarmacher dazu, Kinderherz was willst du mehr…? Im Gemüsebereich werden bestenfalls Tomaten, Gurken und Peperoni verwendet, natürlich 365 Tage lang, Hors-sol sei Dank. Wer weiss denn noch, wie eine sonnenreife Tomate schmeckt???

Da werden zum Frühstück sogenannte Cerealien gegessen: nein, was denken Sie, gewiss keine Schweizer Haferflocken oder Dinkel – nein das Grosspaket des Herrn Kellogg und seiner Kumpane… völlig denaturierte Kleisterbrösel, übergossen mit einem Zuckercouleur, das sich Honig nennt und von dem die arg bedrohten Bienen soweit entfernt sind wie ich vom Mars… darüber kommt UHT-Milch und wenn niemand einschreitet, auch noch weisser Industriezucker. Es geht weiter: wenn nicht die Schule vorschreibt, was zum Znüni mitgekommen wird, kann es ein Wattebrötchen mit Nutella sein, neben den farbigen Snackbeuteln, süssem Eistee etc. Mittagessen muss schnell gehen, es bieten sich vorgefertigte Teigwarengerichte an, eine Fertigpizza, Fertigsalat und Hamburger aus dem Gefrierer. Abends bleibt die Küche kalt – wirklich warm war sie ja nie – Wurstscheiben, Schoggipudding,Industriebrot, Schmelzkäse … Neben der Tatsache, dass viele der angebotenen Nahrungsmittel – ich sage bewusst nicht Lebensmittel – unnatürlich sind und die oben erwähnten Folgen haben, schmerzt die Tatsache, dass das gemeinsame Essen am Tisch mit vorgängiger Lockung der Verdauungssäfte durch den Kochgeruch in vielen Lebensgemeinschaften verloren gegangen ist, dass die Fähigkeit, Gerichte aus natürlichen Produkten herzustellen, nicht mehr weitergegeben wird, dass die Kenntnisse des Anbaus, der jahreszeitlichen Folge (was hat wann Saison), die Ökologie und die Unterstützung der einheimischen Produzenten verloren geht. Dem Argument, dass anders einkaufen (gesunde Grundprodukte, möglichst aus einheimischer Produktion und ab und auch importierte Fairtrade-Produkte) zu teuer sei, kann ich nicht folgen. Wenn ich so in Einkaufskörbe schaue – ich tue das oft und überlege mir, wie da wohl gegessen wird – dann braucht es keine grossen Rechnungskünste um festzustellen, dass wenn all die Verpackung und Werbung weg ist, nicht mehr viel bleibt und v.a. nichts Nährendes, Wertvolles. 

Es ist eine Art Spagat (und der geht nicht nur in diesem Bereich durch die Gesellschaft – hier zeigt er sich vielleicht noch etwas offensichtlicher): einerseits wird Kochen und Essen zelebriert (Kochsendungen, Bücher, angesagte Köche, de-luxe-Produkte die ihren Preis nicht wert sind usw.), Menschen, denen gute Grundprodukte wichtig sind und die bereit sind, gerechte Preise zu bezahlen (und vielleicht auf anderes zu verzichten) und daneben eine immenses Angebot an – verzeihen Sie, „Schrott“ – und Konsumenten, die der Werbung folgen, unkritisch kaufen und nicht mehr wissen, wie eine Suppe zu kochen, eine weisse Sauce herzustellen oder ein Brot zu backen wäre. Und die es aufgegeben haben, als Gemeinschaft an den Tisch zu sitzen und genussvoll auch ein sehr einfaches Essen, gutes Brot und guten Käse zum Beispiel – zu essen und davon dann auch wirklich gesättigt zu sein.

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