Archiv der Kategorie: Fremde Texte

Losung

Wintertage rufen nach einer alten Liebe, einer die bleibt – über den Lebensabschnitt hinaus, mitgeht und mitkommt, treu – wenn die Liebende andere Wege geht, in fremden Büchern schwelgt, um dann, an Tagen wie heute, beim Anblick der Hügeldünen wieder an ihn zu denken, an ihn und den andern der Beiden – sie mag beide sehr und das geht ohne Eifersucht oder Streit, weil sie, die Haiku-Dichter längst anderswo sind, fern und der Lesenden doch so nah.

Issa (1763-1827)
schrieb

Ein Wolf! – das sieht man
dieser Losung an. – Die Kälte
wird noch beissender…

Vom anderen wird zu lesen sein. Später.

 

Eines von 286

Zeitungen transportieren Neuigkeiten. Diese sind oft negativ gefärbt, berichten von schlimmen Ereignissen, von Leid, Schmerz und Gewalt. Das Wort wird Träger, Bote und Werkzeug, es verliert sich in den Fluten der Meldungen.

Um die Worte aus diesen Wirklichkeiten zu schälen, um sie zu befreien und um ihnen während einer bestimmten Zeitspanne eine andere Aufmerksamkeit zu schenken, habe ich ein Jahr lang an jedem Werktag – an dem ich in Herisau war – ein Wort aus einer Titelzeile der Appenzeller Zeitung geschnitten. Ich habe das Wort gewählt, das mich als Erstes positivangesprochen hat.

Nach Ablauf dieses Jahres liegen 286 Wörter da. Ich habe diese Worte an ausgewählte und/oder unbekannte Menschen geschickt, mit der Bitte, sich Gedanken zu machen zum jeweils zufällig zugeteilten Wort. Was löst es für Assoziationen aus? An was erinnert es? Wann würden Sie es einsetzen? Die von mir ausgewählten Worte werden neu belebt, aufgeladen, sie zeigen ihre Mehrdeutigkeit und fliessen durch die anschliessende Veröffentlichung der Texte wieder zurück in die Zeitung.

Meine Aktion ist ein Versuch, der täglichen Wortflut einen Akt des Verweilensgegenüberzustellen – wenn hundert Menschen jeweils etwa zwei Stunden für «ihr» Wort aufwenden, ergibt das etwa 200 Stunden «für das Wort».

Ab 7. August an (fast) jedem Werktag Gedanken zu einem ausgewählten Wort! Hier. So lange der Textvorrat reicht. Lesen Sie mit?!

Hüterin

Das Wort «Hüterin» bringen wohl die meisten Leute spontan mit der Polizei oder der Armee als Hüterin der Ordnung oder im umgekehrten Sinn mit der Verhütung oder mindestens Eindämmung von Gewaltbereitschaft, Gesetzesübertretungen oder Gewaltakten grösseren Ausmasses in Verbindung.

Näher im Leben steht uns jedoch sicher das Bild der Grossmutter als Hüterin ihrer Enkelkinder. Sie hütet und versucht, vor Schmerz und Leid zu bewahren, wacht bei Tag und Nacht über das Wohl der Anvertrauten. Tausend Fragen hat sie zu beantworten, nach dem Wieso, Warum, Wozu. Alte Traditionen versucht sie zu erhalten, Lieder, Verse, Spiele, alte Geschichten und vieles andere Generationen überschreitend weiter zu geben. Sie ist es, die von grosser Geduld und Lebenserfahrung getragen, Werte wie Anstand, Sitte, die Bedeutung von Liebe, Trauer und Freude, die Achtung anderer Menschen, der Tiere und den Respekt vor der ganzen Schöpfung den Grosskindern mit Geduld beizubringen versucht.

Wenn ich spontan überlege, sehe ich die Grossmutter als Hüterin ihrer Enkel, im Tun vergleichbar und fast so leidenschaftlich, wie es zu Urzeiten die Ritter als Hüter des heiligen Grals waren.