Geburtshilfe

Der Flaum seiner Geschwister war schon längst trocken, als es dem Kücken gelang, ein winziges Loch in die Schale des Eis zu picken.

Endlich! Doch dann zogen sich die Stunden endlos dahin. Sofia kniete neben dem Brutapparat, harrte und bangte. Es tat sich nichts. Das Loch blieb, wie es war.

Gegen Mitternacht wurde es im Ei immer stiller. Die Kraft des ungeborenen Wesens schien sich zu erschöpfen.

Sofia begann im Raum auf und ab zu gehen, die Hände tief in den Taschen vergraben, starrte bald auf das Ei, bald auf die Wanduhr.

Dann hielt sie es nicht mehr aus. Vorsichtig zupfte sie Schalenstück um Schalenstück vom Ei, wollte Geburtshilfe leisten. Das Kücken streckte mutig den Kopf in die Welt des kalten Neonlichtes.

Aber so, wie es zu schwach gewesen war, um sich aus dem Ei zu schälen, so war es nun zu schwach für das Leben.

Als der neue Tag anbrach, legte Sofia ihren Kopf auf die Arme und weinte um das ungelebte Leben.

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