Tour CMA-CGM Marseille

Im Traum gestaltete sich die Sache folgendermassen: Die Reisenden würden vom Alten Hafen herkommend mit dem modernen Tram ins Quartier La Joliette fahren, möglichst nahe zum unübersehbaren, hoch aufragenden Turm, den die Architektin Zaha Hadid entworfen hat. Dort angekommen, würden sie auf direktestem Wege zum Eingang marschieren, allenfalls ein paar Euro Eintritt zahlen, um dann mit dem Lift ins oberste Stockwerk zu fahren. Denn dort wäre gewiss ein sehr modernes Restaurant mit einer phänomenalen Aussicht über die Stadt Marseille. Kühle Getränke und wer weiss vielleicht sogar ein Buffet mit Mezze würden diese Visite auf eine gute Art abrunden…
Es war so: Das moderne Tram fuhr. Zwei Haltestellen, dann blieb es stehen und die Reisenden (noch) sitzen. Bis der Tramführer kam und beschied, dass heute hier Endstation sei. Dies obwohl Schienenführung und Fahrplan anderes sagten. Also gehen, immerhin mit einem klaren Ziel und der Chance, auf diesem mühsamen Marsch in der Mittagshitze  interessanten Bummel unterwegs das eine oder andere zu entdecken. Ausser Autos schien niemand unterwegs zu sein, nicht einmal ein Strassenhändler mit einem kühlen Wässerchen, das knurrende Geräusch aus der Magengegend wurde vom Stadtlärm, dem Wind und Schiffshörnern überdeckt und die Reisenden schluckten tapfer und mit der Aussicht auf Höheres ihren Speichel.
Unvermittelt steht der „Turm“ da, mann/frau vergisst Hunger und Durst, schweigt, staunt, schaut, legt den Kopf in den Nacken, versucht sich irgendwo einzuklinken in dieses Werk, seine Proportionen, die Bauweise. Die Nackenhärchen mögen sich in den Meerwind stellen ob soviel Mut, Entschlossenheit und der Fähigkeit, einen solchen Bau zu realisieren. Doch irgendwann klopft der Traum wieder an, die Reisenden suchen einen Eingang und erst hier und jetzt fällt ihnen auf, dass sie noch immer die einzigen Menschen sind. Die Scheiben sind dunkel getönt, drinnen scheint sich etwas zu bewegen, Hoffnung keimt auf. Wie von Geisterhand gesteuert, öffnet sich die Türe, ein Sicherheitsbeamter tritt ans Mittagslicht, blinzelt und will auf französisch wissen, ob wir etwas suchen würden (die anständige Form von „was habt ihr hier zu suchen?!). Die Reisenden suchen alle verfügbaren französischen Worte, erklären dem jungen – in eine Uniform gesteckten – Mann, dass sie gerne hinauf fahren würden, ins oberste Geschoss bitte. Geht nicht, das hier ist alles privat, kein Zugang! Erst mal schlucken, so jäh enden Träume und dann die Enttäuschung ausdrücken. Der kleine, stammelnde Vortrag der Reisenden scheint einen minimalen Eindruck gemacht zu haben, das Gesicht des jungen Mannes wird weicher, er kann sogar lächeln. Vielleicht sind die Reisenden ganz einfach DIE Abwechslung in seinem langweiligen Wachsonntag, jedenfalls erzählt er dann, dass der Turm dem weltweit drittgrössten Schiffstransport- und Logistikunternehmer gehört, einem Libanesen, der von hier aus zusammen mit seinen Kindern das Unternehmen leitet. Er zeigt im Hafen liegende Schiffe und Container mit dem CMA-CGM-Emblem, welches auch vor dem Turm platziert ist. Auf die Frage, ob er den Chef (und Auftraggeber für diesen Büroturm) schon mal gesehen habe, antwortet er, ja, fast täglich. Der Turm sei aus Sicherheitsgründen nicht für die Öffentlichkeit zugänglich, es sei schon schwierig genug, die wochentags ein- und ausgehenden 2300 MitarbeiterInnen zu kontrollieren… Dass er Sarde sei und dass ihm dieser moderne Baustil nicht gefalle, vertraut er den BesucherInnen noch an, dann zieht er sich wieder zurück. Etwas später fährt ein Motorrad vor, ein Pizzakurier läutet, der Wachmann erscheint wieder, nimmt ihm die Lieferung ab und verschwindet wieder im dunklen Turmesinnern.
Die Reisenden weilen noch, sehen die Tramstation, die vermutlich nur an Arbeitstagen bedient ist und staunen ob einer Kühnheit, welche in ihrer Gänze erst aus der Distanz wirklich erfasst werden kann. Zum Vergrössern Bilder anklicken!


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